Kommunikation oder “Die Kunst, aus latenten Konflikten ein produktives und verantwortungsvolles Miteinander zu erschaffen”

Stellen Sie sich vor, Sie leiten ein Meeting oder eine Teamrunde und befinden sich mitten in einem Entscheidungsprozess. Ein Mitglied der Runde macht engagiert einen Vorschlag, wie jetzt weiter verfahren werden soll. Darauf antwortet ein anderes Mitglied der Runde: “So ein Quatsch!”

Was tun Sie? Was ist Ihre erste Reaktion? Vielleicht zunächst ein innerliches Zusammenzucken, weil Sie befürchten, dass jetzt ein Konflikt beginnen könnte, den Sie dann wieder “an der Backe” haben als Leiter, als Führungskraft?
Und dann ist das auch noch das Team-/Gruppenmitglied, das ohnehin immer wieder durch solch “forsche Rede” für “Stimmung” sorgt.

Wie also reagieren Sie – und zwar ziemlich schnell, bevor diese Eröffnung eine sattsam bekannte Eigendynamik entfaltet?

Die Art und Weise, wie Sie nun reagieren, hängt entscheidend von Ihrer inneren Grundhaltung ab, weniger davon, was Sie vielleicht an Kommunikationstechniken so drauf haben.

Innere Grundhaltung bedeutet hier: Wie werten Sie intuitiv die Äußerung  des Mitarbeiters. In einer solchen Situation ist langes Nachdenken kontraproduktiv. Wie ein Top-Keeper, z.B. Manuel Neuer, sind jetzt Ihre kommunikativen Reflexe gefragt.

Folgende Antworten auf diese Frage in Seminaren sind tendenziell häufig.

Variante 1: Ich versuche, zu deeskalieren, indem ich z.B. sage: Nun ja, ich würde nicht sagen, dass das Quatsch ist. Ich finde den Ansatz X im Vorschlag von Frau Y, Herrn Z durchaus überlegenswert.

Variante 2: Ich weise entschieden darauf hin, dass wir einen respektvollen Umgang miteinander pflegen sollten und solche Reaktionen dazu nicht passen.

Nun zur inneren Grundhaltung dieser beiden Varianten und davon ausgehend zur Wirkung und Erfolgswahrscheinlichkeit für die Entwicklung produktiver Kommunikation.

Variante 1: Diese Reaktion wird gesteuert von einem Rollenverständnis, Konflikte zu vermeiden, auszugleichen, Harmonie sicher zu stellen. Wobei die Annahme mitschwingt, dass hier ein verbaler Angriff vorliege und dies zu einem Konflikt führen müsse. Wir werden gleich sehen, dass genau diese Annahme das Problem darstellt, das die Entwicklung einer produktiven Kommunikation behindert.

Variante 2: Diese Reaktion hat etwas von der Grundhaltung “Oberlehrer” und zeigt zwar deutlich, wer Chef im Ring ist, führt aber bestenfalls zu einer Scheinruhe, denn eine “Zurechtweisung” ist eine “Zurechtweisung”, nicht mehr und nicht weniger. Was hier gelernt wird: Ich, die Führungskraft, bin Hüter der Regeln und zeige auch mal, was eine Harke ist – mehr oder weniger deutlich.
Was ich mir damit sicher einkaufe: Widerstand, offensichtlichen, wenn der Betreffende selbstbewusst ist oder latenten, wenn der Gemeinte ein Kräftemessen für nicht zielführend bzw. gewinnbringend hält. Produktiv ist das Ganze eher nicht.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Ja, wie soll ich dann auf eine solche “unqualifizierte”Äußerung reagieren.

Dies ist so einfach wie – für manche – provokant: Indem Sie im ersten Schritt diese Äußerung als “verdeckt qualifiziert” bewerten. “Verdeckt qualifiziert” meint hier, dass Sie der Vermutung Raum geben, der Sprecher hätte eine positive Absicht, die aufgrund der Art der Äußerung erst einmal nicht deutlich zu Tage dritt.

Hinter dieser Vorstellung verbirgt sich die Annahme aus der humanistischen Psychologie, dass “hinter jedem Verhalten eine positive Absicht steht”. Soweit die innere Grundhaltung.

Sollten Sie dies für ausgeschlossen halten, macht es keinen Sinn, hier weiter zu lesen.

Sollten Sie allerdings dieser Irritation standhalten, dann werden Sie relativ schnell und leicht erkennen, dass die Äußerung “So ein Quatsch” eine Menge Potenzial hat, wertschöpfende und wertschätzende Kommunikation zu generieren und – wenn dieser Stil beibehalten werden kann – ein produktives und verantwortungsvolles Miteinander zu erschaffen.

Der Kommunikationspsychologe Friedrich Schulz von Thun hat bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts sein inzwischen weithin bekanntes Modell der 4 Ohren definiert, wonach wir jede Botschaft mit 4 verschiedenen Ohren aufnehmen. So auch den Satz: “So ein Quatsch”.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass der Sprecher damit verschiedene, ‘positive’ Absichten verfolgt und wir im von-Thunschen Sinne trainierte Hörer sind, dann werden wir spontan die Selbstoffenbarung und den Appell hören: “Ich kann mit dieser Logik nichts anfangen! Bitte überdenke das nochmals und mache einen anderen Vorschlag, damit ich zustimmen und folgen kann!”

Jetzt also die Variante 3: Als Leiter dieser Runde – genauso geht das natürlich als ‘normales’ Mitglied – stelle ich dem Sprecher folgende Frage:
Was müsste denn aufgrund Ihrer Erfahrung an dem Vorschlag wie modifiziert werden, um voran zu kommen und Sie zu überzeugen?”

Also, eine offene Frage. Mehr nicht? werden vielleicht manche jetzt reagieren. Explizit, also offensichtlich ist dies eine offene Frage. Implizit, was die nicht bewussten, aber vielleicht umso wichtigeren Wirkungen angeht, hat es diese Frage in sich. Sie wirkt also noch auf verschiedenen “impliziten” Ebenen und liefert einen nachhaltigen Beitrag für produktives und verantwortungsvolles Miteinander. Lösung statt Konflikt und Problem.

Die erste Wirkungsebene – Wertschätzung: Der Sprecher wird ernst genommen, indem ihm signalisiert wird: Ich höre Deinen Wunsch und spüre Dein Engagement

Die zweite Wirkungsebene – (Mit-)Verantwortung: Mir ist wichtig, dass Sie klar und offen Bedürfnisse, Wünsche äußern und Ihre Kompetenzen zur Lösung einbringen.

Die dritte Wirkungsebene – motivierendes Miteinander: Indem Sie so agieren – von einer akzeptierenden, wertschätzenden inneren Grundhaltung aus, die das inhärente, positive Potenzial von Kommunikation herausarbeitet und bewusst macht und Sie so implizit nachdrücklich und nachhaltig – auf Lösung vertrauend – fordernd kommunizieren, wird hier ein Standard etabliert und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden Äußerungen dieser Qualität immer seltener. Und das ganz ohne Druck (s. Variante 2) bzw. elegant mit wenig Aufwand der Argumentation (s. Variante 2).
Manchmal gilt in der Kommunikation der Grundsatz: Wer argumentiert, verliert.

Und es gibt jeden Tag eine Menge Gelegenheiten diese Art der Kommunikation zu nutzen, um die Kosten für Kommunikation zu senken bzw. deren Nutzen zu erhöhen.

Versuchen Sie’s, wenn es nützlich erscheint bzw. kommunizieren Sie noch bewusster, wenn das schon Ihr Stil ist.

Menschen mit starker Ausstrahlung und Attraktion, charismatische Menschen und Führungskräfte, kommunizieren so.

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