Der Dialog-Prozess nach David Bohm – Das Denken im Sprechen beobachten – Eine der 5 Disziplinen der Lernenden Organisation

“Das Denken erschafft die Welt und behauptet dann, ich war’s nicht”! Dieses Zitat von David Bohm verweist auf die schlichte Tatsache, dass die Welt so wie sie existiert, das Ergebnis von Denkprozessen ist.

David Bohm (1917 – 1992) war ein Quantenphysiker des 20. Jahrhunderts, der sich jenseits seines Fachgebiets intensiv mit Themen der Transformation der Gesellschaft befasst hat. Er war ein Suchender, der kreativ Konzepte aus der Quantenphysik auf Prozesse der Kommunikation und des Entstehens von Sinn und Wirklichkeit über das Denken beschäftigte. Er postuliert, dass die eklatanten Probleme auf der Welt auf Defizite und Defekte im Denken zurückzuführen sind.

Aus seiner Beschäftigung mit Quantenmechanik und Teilchenlehre – er hatte eine Zeitlang eine Professur in Princeton inne – folgerte er, dass das Denken aus einer Ganzheit der Erfahrung kommt und im Denkprozess Fragmentierung, Begriffsbildung, Abgrenzung stattfindet. Dies ist zwar notwendig, um entscheidungs- und handlungsfähig zu sein, allerdings wird es schwierig, wenn wir nicht mehr unterscheiden können zwischen “thought” und “thinking”. Damit wird deutlich, worum es Bohm geht. Wenn wir den Prozess des Denkens (thinking) nicht im Griff haben und den abschließenden Gedanken (thought) für die allgemein gültige Wirklichkeit halten.

Vorurteilsbildung, mentale Modelle – also: Überzeugungen, Anschauungen, Einstellungen, Bewertungen sind Ergebnisse solchen Denkens. Wenn dieser Prozess nicht bewusst gemacht wird, dann geraten wir relativ leicht in Kommunikationsformen und -inszenierungen, die spalten anstatt zu verbinden und starke Gemeinschaft spürbar werden zu lassen. Diskussion, Disput oder Debatte mit dem allseitigen Versuch, Recht zu haben, sich zu positionieren mit all den Ergebnissen, die wir leicht im gesellschaftlich-kulturellen Kontext wahrnehmen können.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Menschen gerade dann, wenn sie eine tiefe Betroffenheit spüren, in diese Kommunikationsformen geraten – vielleicht weil starke Emotionen die Notwendigkeit spüren lassen, sich zu schützen – und dann Verständigung und Verständnis als gemeinsam gestalteter Prozess nicht mehr funktioniert, entwickelt Bohm mit seinem “Bohmschen Dialog” ein Instrument, das genau das leisten soll. Kollektives sinnstiftendes Denken, voneinander Lernen, vertrauensvolle Gemeinschaft entwickeln und auf diesem Wege durchaus auch zu kreativen Lösungen für drängende Themen zu kommen.

Immer wieder betont er allerdings, dass dies nicht der primäre Zweck von Dialog ist, sondern dass es im Dialog darum geht, das Denken zu erforschen, die Art und Weise in sich zu entdecken, wie wir zu Anschauungen kommen, wie wir uns und andere wahrnehmen in unseren Motiven, Absichten, Wünschen, Ängsten, wie wir das größere Ganze wahrnehmen (im Sinne eines ganzheitlich verstandenen Denkens) und vor allem, wie wir immer besser, offener und verstehender darüber sprechen können.

Bei Carl Rogers finden wir schon die Ingredienzien einer solchen Übung: Empathie, Kongruenz, Akzeptanz und den Mut zuzuhören – mit dem Wunsch, zu verstehen.

Der Bomsche Dialog, der hier nur in seinen Grundideen formuliert werden soll, fand in den 90er Jahren Eingang ins Konzept der Lernenden Organisation von Peter Senge vom MIT, Harvard als eine zentrale Übung, mentale Modelle zu erkunden und gemeinsam zu lernen.

Wer sich heute in Politik und Wirtschaft umschaut, wird vielleicht nicht viel Dialogisches Entdecken. Argumentieren, überzeugen, das Gesicht wahren, Positionen erfolgreich festigen – was, wenn dieses angestrengte Denken die falschen Positionen festigt, wenn damit Trennung statt Verbindung zementiert wird. Kommunikation als Kampf anstatt als Prozess, immer tiefer zu verstehen, wie wir zu unseren Positionen kommen und dann evtl. rechtzeitig korrigieren zu können.

Marketing vs. Vertrieb, Produktion vs. Marketing, und Controlling vs. den Rest der Welt – Diskussion statt Dialog – Wissen statt Erkunden.

Der Bohmsche Dialog hat das Potenzial, erlebbar zu machen, wie wir Wirklichkeit konstruieren und damit auch ein starker Impuls gesetzt wird, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Und an dieser Stelle wird es vielleicht unangenehm.

Wir haben allerdings keine Wahl, wenn es um die Frage geht: Wie schaffen wir Verbindung und Gemeinschaft statt Trennung, Konflikt und Kampf. Der Bohmsche Dialog ist dafür ein faszinierendes Instrument, das gelernt werden kann und das in Organisationen ungeahntes produktives Potenzial entfalten kann.

Über den Dialog im Kontext der Lernenden Organisation finden Sie im Netz einiges. Eine Quelle haben Sie hier: http://www.wi.fh-koeln.de/homepages/s-franken/docs/Lernende%20Unternehmen/7-LerntheorieSenge.pdf

 

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